Finde es heraus.

Freitag, 27. August 2010

Spiele


Spiele
(von Selim Özdogan)

Stell dir vor, dieser ganze Schmerz wäre echt.
Weißt du noch, wie du in diese Frau verliebt warst oder in diesen Mann, wie auch immer, und du konntest achtzehn Monate an nichts anderes denken.
Und du bist nicht erhört worden.
Stell die vor, dieser Schmerz wäre echt.
Oder wie du erhört worden bist, und die Frau oder der Mann hat dir keinerlei Respekt entgegengebracht, nur Liebe und Träume, und dich dann verlassen,
weil du diese Last nicht
tragen konntest.
Oder wie du sie mit einem anderen im Bett erwischt hast.
Oder wie dein Stolz verloren gegangen ist, unterwegs in einer Beziehung.
Stell dir vor, dieser Schmerz wäre echt.
Oder der Schmerz der Frau, die nicht mehr in den Spiegel sieht.
Oder der Mann, der zwanzig Zentimeter zu klein geraten ist.
Der Schmerz, wenn du deinen besten Freund auf der Welt verlierst.
Oder der Schmerz, der kommt, wenn du wieder zu lange alleine bist.
Wenn dir jemand in den Rücken fällt, der Schmerz, wenn du die Wahrheit gerade nicht hören wolltest, der Schmerz, wenn du feststellst, dass du dich schon über Wochen wie ein Arschloch
benimmst.
Der Schmerz, wenn du nicht weißt, was du mit diesem Leben hier anfangen sollst.
Scheiße, Alter, stell dir vor, dieser ganze Schmerz wäre echt.
Das Leben wäre nicht zum Aushalten.


Mittwoch, 18. August 2010

Postsecret



Ein Projekt über außergewöhnliche Geständnisse von gewöhnlichen Menschen.

Im November 2004 hatte Frank Warren 3000 Postkarten gedruckt, mit der freiwilligen Aufforderung an die Menschen ihre innersten Geheimnisse mit ihm zu teilen.
Geheimnisse, welche sie noch nie mit jemand geteilt haben.
Anonyme Geständnisse, in kurzer Ausführung, niedergeschrieben auf  Postkarten, ohne Absender aber mit bekanntem Empfänger.
Die Gestaltung ist frei.
Kurze prägnante Sätze.
Wünsche, Ängste,  Freuden, perverse Vorlieben, gelebte wie auch erwartete Vorkommnisse des Lebens.
Seien sie so verworren oder klar erkennbar.
Frank verteilte diese auf der Straße, steckte sie in Bücher in öffentlichen Bibliotheken, hinterließ sie in Kunstgalerien.
Nach kurzer Zeit erreichten ihn die ersten Geheimnisse.
Er stoppte die Verkündung seines Projektes, jedoch war dieses schon allein durch die Mundpropaganda und durch die Idee an sich, zu einem wohl funktionierenden Selbstläufer geworden.

Kurze Sätze, auf  liebevoll gestalteten blanken Postkarten.
Eine jede, einzigartig , wie die Genetik jedes Menschen, da wohl auch jeder Mensch seine Empfindungen als einzigartig in sich verwahrt.
Das Projekt wurde zu einem weltweiten Erfolg.
Postkarten aus aller Welt, in jeder Sprache, mit jeder gefühlten, befürchteten Emotion, füllten langsam, aber sicher die Kisten seines Archivs.
Er entschied sich dazu die schönsten, vielleicht auch die, die am quälensten waren, in einem anonymen Bücherband zu veröffentlichen, um der Welt oder auch den Menschen, welche über ihren Schatten gesprungen sind, ein Denkmal zu setzten.
Ein Gefühl von: „Du bist nicht allein!“ zu vermitteln.
In jeder erdenklichen Sprache, die zu einer Einheitssprache wurde, nämlich der des Herzen und vielleicht auch der Menschlichkeit, kann man fast erkennen, dass Emotionen die gleichen Silben benutzen und der Turmbau von Babel hier gänzlich versagen würde, weil es keiner Verwirrung bedarf und sich jeder ein Stückchen in den geschilderten Geheimnissen wieder erkennen kann.

Postsecret ist mir zufällig über den Weg gekommen, von einem Mund zu dem anderen und doch überhörte ich es nicht, wie so einiges, sondern blieb ich stecken, in der einfachen, aber einzigartigen Idee.
Ich fing an zu lesen, fand vieles wieder, was ich vielleicht unter Umständen gerne für immer begraben hätte oder was ich vergessen hatte, aber glücklicherweise unter schallendem Gelächter wieder zum Vorschein brachte.
Kleine Anekdoten des Lebens.
Hoffnungsvoll-hoffnungslos, aber immer wahrhaftig, unbeschönigt und vollkommen ehrlich unter dem Mantel der Anonymität.
Es sind keine großen Worte.
Keine Dichter.
Keine Weltliteratur.
Jede Bildungsschicht.
Aber vielleicht ist es gerade das, nein, ganz bestimmt ist es das, was einen nicht mehr loslässt.
Von Mensch zu Mensch und manchmal auch über vieles unmenschliche.


Wir alle haben Geheimnisse: Ängste, Hoffnungen, Glauben, Fantasien, Beschämungen, Verrate.
Wir erkennen sie möglicherweise nicht auf den ersten Blick, aber sie sind ein Teil von uns.
Allgegenwärtig.
Vielleicht können manche sie wundervoll überdecken, zur Seite schieben und in ihrem eigenen Archiv verstauben lassen.

Ich kann das nicht.

Danke Frank.

Sonntag, 15. August 2010

Schwäche


Schwäche.

Du hattest keine.

Ich hatte eine.

Ich liebte.



Donnerstag, 12. August 2010

Enttäuschung





Ich saß am Tisch und sprach zu dir:

Verschone mich
mit einer
weiteren
Enttäuschung.
   Das Herz kann all die alten kaum verdauen.

Du sagtest:

Das wäre mein größtes Geschenk an dich,
ich nehme dir die Täuschung.

-Ich ent-täusche dich-

Zum Glück bin ich geblieben.




Montag, 9. August 2010

Das Friedsche Vielleicht.





In einer Menge von Auswahlmöglichkeiten,
in den Wenn und Abers
dieser Zeit.
In dem Wählen können, 
nur entscheiden müssen,
ist das Vergessen,
der Lichblick jeglicher
Möglichkeit.

Sie sagt: „Ich habe die Wahl, schon immer.“
Er sagt: „Deshalb wirst du nie etwas wählen, wie immer.“

Als ich letztlich in diese Augen schaute
und wirklich ganze Welten sah.
Spiegelverkehrte Antworten auf
längst verschlossene Fragen.
Hinter dem unknackbarsten Schloss.
Kein Schlüssel der Einen öffnet,
nur die Erinnerung.

     Vielleicht.

       Erinnern
        das ist
       vielleicht
             die qualvollste Art
                                                               des Vergessens
                                                                und vielleicht
           die freundlichste Art
     der Linderung dieser Qual.




Mittwoch, 4. August 2010

Hier geblieben


       salz auf deiner haut 
unvollkommen
genommen

nicht erwidert
worte lebendig- inständig
rührselig und zähmend
lähmend

stöhnend getrieben
-hier geblieben-
nahe gekommen
in sich zerronnen
seele genommen
in die flucht getrieben
eingeholt und wieder erklommen

sich zahllos verbiegen
sich krümmen und wiegen
sich erzählend getrieben
-hier geblieben-
sich ineinander geschwiegen

-sich lieben-
 

Montag, 2. August 2010

Stateless




Gefühlte Restfetzen,
irgendwo zwischen wissen wollen,
fühlen können.
Tag für Tag, lebst du dich ein wenig hinweg.
Weg von gestern.
Von ihr.
Von ihm.
Von sich selbst.

Ich stehe auf.
Die Füße berühren den Boden.
Wacklig unter all der Last,
wie zwei falsch
zusammengeschraubte Glieder.
Nach einer durchzechten Nacht.
Wirbelt Restgefühl,
anstandslos im Magen.
Wie schlecht verdauter Fisch,
ein übler Nachgeschmack.

Das Herz pocht unbekannte Rhythmen.
Der Gedanke, wankt zwischen
erinnern wollen und unbedingt vergessen.
Der Schoß noch warm.
Von letzter Nacht.
Vom letzten Akt.
Vom Rest der Gedankenlosigkeit.
5 Minuten freier Fall.

Gedanken gehen fremd und der
Körper zuckt zu fremden Herzschlägen.
Poch, poch, poch…wie weit bist du?
Wie weit weg von dir?
„You can cover the world with your thumb!”
Holzschachtelwelt.

Steine im Magen,
unverdaulich,
unaufhörlich.
Schönes Mädchen mit blauen Augen
und lachendem Gesicht.
Hinter all den Farben-
niemand sieht dich.

Und alles was bleibt sind Kästner´s Worte:

„Man fühlt, man könnte einem was bedeuten.
Es ist nur traurig, dass es ihn nicht gibt.
Und dann umarmt man sich mit fremden Leuten
Und wird zu einer von den vielen Bräuten,
Die sich nur lieben lässt und selbst nicht liebt.“

Das Mädchen geht und traurig nickt.



Pixelherzen